Die Sage vom Pesselmüller

Die wüste Mühle im Trebnitzgrunde

In das in der Nähe von Lauenstein liegende Dorf Dittersdorf ist auch das Dörfchen Neudörfchen eingepfarrt, welches früher nur ein einzizges Vorwerk war, zu dem der unweit davon im Grunde gelegene Eisenhammer, jetzt die Herrenmühle, gehörte. Beide Grundstücke waren vor langer Zeit im Besitz eines Heinrich Pessel, der ein zwar reicher, aber ebenso habsüchtiger Mann war, dem alle Mittel recht waren, wenn sie nur zur Vergrößerung seines Mammons dienten. Einst ging er in der Liebenauer Kirche, wohin das Vorwerk eingepfarrt war, zur Kommunion und sah, wie der Lauensteiner Schösser ein funkelnagelneues Goldstück als Opferpfennig auf den Altar legte. Da gab ihm der Teufel den bösen Gedanken ein, sich dieses Goldstückes zu bemächtigen. Er wartete, bis alle Abendmahlsgäste an den Altar getreten waren, und als er nun als der letzte hinzutrat, um die Hostie zu empfangen, stahl er es mit gewandter Hand vom Altar. Der Geistliche hatte jedoch den Frevel bemerkt, und als Pessel auf der anderen Seite des Altars den Kelch empfangen sollte, hielt ihn der Geistliche zurück, verkündete öffentlich die Schandtat und verfluchte den Frevler. Pessel wankte nach Hause, Schreck und Reue warfen ihn aufs Krankenbett, von dem er nicht wieder aufstand. Als ihn seine Hammerknechte einige Tage nachher in früher Morgenstunde nach Liebenau zu Grabe trugen, überraschte sie am oberen Eingange des Trebnitzgrundes ein Gewitter. Sie stellten den Sarg am Rande einer Wiese hin und flüchteten in die im Grunde am Börnchen-Döbraer Wege gelegene Mühle. Nachdem nach einem furchtbaren Donnerschlage das Gewitter sich verzogen hatte und sie aus der Mühle heraustraten, um den Leichenkondukt fortzusetzen, war der Sarg spurlos verschwunden, und man glaubte, daß ihn der Teufel samt seinem Inhalte entführt habe. Seit dieser Zeit aber erblickt man um Mitternacht den Schatten des alten Pessel, der nach der Mühle zu umherirrt, mit schaurigem Ruf seine Leichenträger sucht und sie bittet, ihn doch zur Ruhe zu bringen. Durch diesen Spuk kam die Mühle selbst sehr bald in Verruf, niemand wollte mehr dort mahlen lassen, und noch weniger hatte jemand in ihr Ruhe, woher es kam, dass sie bald von ihren Bewohnern verlassen wurde und als Ruine für ewige Zeiten von dieser schauerlichen Geschichte Kunde gab.

Der Trebnitzmüller Pessel hat tatsächlich gelebt. Die im 16. Jahrhundert entstandene Oedersche Karte nennt die heutige obere Trebnitzmühle „George Beßels mül 1 g" (Mühle mit einem Mahlgange). Diese auf damals Lauensteiner Herrschaftsgebiete in Dittersdorfer Flur gelegene Mühle war also im Besitze der Familie Pessel, auch Heinrich Pessel wird dort verstorben sein, da er ja in Liebenau begraben werden sollte. Da die heute verschwundene „Wüste Mühle" am Weg von Börnchen nach Döbra zur Zeit der Entstehung des Oederschen Kartenwerks um die Mitte des 16. Jahrhunderts noch vorhanden war - sie ist als Mühle mit 2 Mahlgängen ohne Namensangabe auf dem Bärensteiner Herrschaftsgebiete verzeichnet - dürfte sich der Vorgang erst nach dieser Zeit abgespielt haben, wenn die Sage recht behält, dass letztere Mühle bald nach dem Verschwinden der Leiche Pessels verödete. Von der „Wüsten Mühle" ist heute nur noch der stellenweise überwölbte verfallene und von Immergrün überwucherte Mühlgraben vorhanden.